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3. Preis
Klaus Ritzkowski
Distanzlos
Der ausstralische Pianist David Helfgott im Großen Saal des Gewandhauses
Wenn es wirklich ein Unbewußtes gibt, dann hat David Helfgott es ständig parat. Er brabbelt, gestikuliert und bewegt nervös seinen Oberkörper. Den ganzen Tag. Und er konsumiert Unmengen von Tee und Kaffee; was die Sache bestimmt nicht besser macht. Mit schnellen, hüpfenden Trippelschritten läuft er auf die Bühne und begrüßt sein Publikum mit breitem Grinsen, minutenlang. Er ist mit einem seidig schimmernden blauen Laibchen bekleidet und zunächst drängt sich der Eindruck der Lächerlichkeit auf, doch dann geht er an den Flügel und beginnt zu spielen.
Die tiefen, wühlenden Akkorde des Prélude cis-moll Opus 3 Nr. 2 von Sergej Rachmaninow treffen einen mit voller Wucht. Es scheint die Trauer selbst zu sein, die nun im Raum ist. Das gequälte Gesicht Helfgotts ist hierzu nahezu unerträglich. Das ganze menschliche Leiden, alle Qual scheint präsent und ist für den Zuhörer ein bedrückendes Erlebnis, das einem die Brust zuschnürt. Doch dann ein abrupter Wechsel: Der Affekt des Prélude in G-Dur Opus 32 Nr. 5 von Rachmaninow ist die reine, unbeschattete Heiterkeit. Ein harmloses, schlichtes Spiel der Töne und das Gesicht David Helfgotts ist nun ganz gelöst, er singt mit.
Der sonst so nervöse und rastlose David Helfgott ist nun ganz der Musik zugewandt. Chamäleonartig nimmt er immer den Affekt an, den das Stück, das er gerade spielt ausdrückt: Er spielt nicht nur tieftraurig oder heiter-gelöst, er ist es auch in diesem Moment. Er durchlebt die Musik in einem Maß, das man nur sehr selten antrifft. Die virtuosen Stücke, die er nun spielt, sind für den Hörer allerdings ein weniger intensives Erlebnis: Die Toccata von Chatschaturian und die Etincelles von Moszkowski zeigen dafür die ausgefeilte Klaviertechnik über die Helfgott trotz seiner Krankheit verfügt.
Die Arrangements der "Frühlingsstimmen" und von "An der schönen blauen Donau" von Johann Strauss Sohn mit ihrer schlichten Melodik lassen einen gleichsam an den unerklärlichen Stimmen teilhaben, die Helfgott gerade eben zu vernehmen scheint: Ganz dieser Welt entrückt lauscht er ihnen nach und ist wieder ganz in der Musik versunken. Dieser Zustand der Versunkenheit und Selbstvergessenheit überträgt sich auf das Publikum und es lässt es an der bizarren Erfahrungswelt dieses sonderbaren Pianisten teilhaben.
Nach der Pause wagt sich Helfgott dann an die sehr sperrige h-moll-Sonate von Liszt. Und es zeigt sich: Er ist diesem gewaltigen Werk durchaus gewachsen, auch wenn sich immer wieder kleine Patzer einschleichen. Der große Spannungsbogen, den das Werk ausmacht, wird vollzogen, die äußerste Virtuosität und der äußerste musikalische Ausdruck des Werks gemeistert. Wieder lässt Helfgott das Publikum mitleiden, indem er ganz in der Musik versinkt und dem Hörer die ganze Skala menschlichen Empfindens vor Augen führt: Es gibt keine Distanz zwischen der Musik und dem Musiker; er erlebt die Musik jetzt in diesem Moment ganz, die Musik wird durch sein Erleben hörbar.
Am Ende des Konzerts ist kein Haltens mehr: Helfgott wird gefeiert wie ein Popstar. Minutenlanger frenetischer Applaus, standing ovations - eine Begeisterung, die man in klassischen Konzerten nur höchst selten erlebt. Es ist eindeutig: Dieses Konzert war ein echtes Erlebnis. Der Hörer hat mitgelitten, ist mit David Helfgott durch alle gefühlsmäßigen Höhen und Tiefen gegangen. Und wenn man diesen Mann am Ende auf der Bühne stehen sieht, wird klar: Man hat an diesem Abend einen glücklichen Menschen erlebt.
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