Bild: Arne Reimer
Kunstkritik.org - Gesellschaft für Kunst und Kritik

1. Preis

Thea Hummel, KI.11, Immanuel-Kant Gymnasium, Leipzig
Marianne Kruber, KI.11, Reclam Gymnasium, Leipzig

Galerie für zeitgenössische Kunst, November 2003

eine Fiktion zu dem Bild: "Lothar", Berlin 2003, Gundula Schulze


Sieglinde Baumann, geb.8.6.1900, gest.9.6.1975 an Altersschwäche, Fleischfachverkäufern auf Lebensdauer, 1923 Heirat mit Günther Schmidt (geb.3.2.1896, gest.7.3.1966, Kioskbesitzer), beide hatten ein langweiliges Leben, bis ER am 9.4.1933 endlich kam: LOTHAR!!! - machte das Leben von Siggi und Günther erst richtig lebenswert. Er war ein intelligenter Junge, verlebte im Hause Schmidt eine schöne Kindheit und genoss eine angemessene Erziehung.

ABV Kruber
ABV Hummel

Auf Grund Lothar S. täglichen Alkoholmissbrauches, was besonders am 9.6.1983 ausartete, werden nun die Ermittlungen gegen ihn eingeleitet. In dieser Nacht (vom 9.6.bis 10.6) beschwerten sich die Anwohner (insgesamt 43 Anrufer) über lautes Gepöpel. Lothar verkündete lautstark auf der Straße und in aller Öffentlichkeit seine Unzufriedenheit mit unserem kommunistischen System, woraufhin wir die Staatsfeindlichkeit nicht mehr ausschließen konnten. Wir gingen unseren Pflichten nach und brachten ihn wieder in seine Wohnung. Als wir in die Wohnung traten, setzte Lothar S. sich auf sein Bett und begann sich auszuziehen. Wir waren sehr verwundert und machten als Beweismittel ein Foto von dieser überfordernden Situation. Danach fragten wir im Haus, wer guten Kontakt zu Lothar S. hat und sein Nachbar erklärte sich sofort dazu bereit, die Ermittlungen zu übernehmen und in unserem Sinne weiterzuführen.


Kreisdienststelle Berlin

Ermittlungsbericht 10.06.1983
(IM Reuther)

Direkt nach der Einweisung in meine Arbeit besuchte ich Lothar S. in seiner Wohnung, um mir ein besseres Bild von ihm zu machen, denn im Wohngrundstück wurde er von den Mietern als asoziale Person eingestuft. Trotz seines Rufes fand ich die Wohnung in einem ordentlichen Zustand vor, jedoch lässt sich über die Einrichtung streiten. In der Einraumwohnung befand sich ein Fernseher, ein Ofen, ein Klappbett und zwei Lampen. Lothar präsentierte sich, zu meinem Entsetzen, nackt auf seinem Bett. Er machte auch auf mich nicht den Eindruck, als würde er sich schämen oder unwohl fühlen. Besonders auffällig war, dass sein Bett wirkte, wie sein eigentliches Lebenszentrum. Dieses war eine Kombination aus Schrank und aus Liegefläche. Die untere Hälfte des Schrankes war sehr ordentlich. In seiner Liegeperspektive hing ein Bild von seiner Mutter, umringt von Kinderaufklebern. Darüber war ein verglastes Regal mit Kinderspielzeug. Ganz im Gegenteil dazu, befanden sich in der oberen Hälfte eine Flaschensammlung alkoholischen Inhalts.

In diesem Schrank wurde die Lebensweise der Eltern wiedergespiegelt, die Kindheit und Liebe der Mutter und das Leben des Vaters.

Außerdem hingen an der Wand pornographische Bilder. Daraufhin informierte ich mich bei ihm über sein Leben. Anfangs war er nicht sehr gesprächig, doch dann zog ich meine Schlüsse aus seinen seltsamen Äußerungen.

Ich erfuhr, dass seine Mutter aus guten Hause kam, sein Vater dem Alkohol verfallen war und beide schon gestorben sind.


Ermittlungsbericht 11.06.1983


Erneut besuchte ich Lothar S. Als ich seine Wohnung betrat, saß er wieder nackt auf seinem Bett. Es wirkte so, als hätte Lothar ein sehr langweiliges Leben und es kam mir vor, als ob er sich seit dem vorherigen Abend nicht mehr vom Fleck bewegt hat. Auf meine Fragen antwortete er erst überhaupt nicht. Nach einer halben Stunde Schweigens, antwortete er zwar, jedoch nur mit "ja"" oder "nein", woraus ich wieder nicht sehr schlau wurde.
An diesem Tag machte Lothar S. den Eindruck eines 12- Jährigen. Wehrlos, verstört und exhibitionistisch saß er auf seinem Bett und wirkte noch trauriger als gestern. Langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen.


Ermittlunqsbericht 12.06.1983

Das gleiche Bild


Ermittlungsbericht 13.06.1983

Das gleiche Bild


Tagebucheintrag Reuther 13.06.1983

Was für ein grausamer Anblick ist es, Lothar. Jedes mal wenn ich ihn besuche, sitzt er nackt und breitbeinig, nur mit seinen Hausschuhen bekleidet, auf seinem Bett. Sein Blick ist starr und leer.

Er wirkt wie ein hilfloses kleines Kind, mit seinen dünnen Ärmchen und der schwarzen Wuschelfrisur. Ich kann nicht einschätzen, was er denkt oder ob er überhaupt denkt, denn es ist, als würde ich auf einen Körper ohne Seele blicken. Total schamlos und reglos sitzt er da, und ich werde einfach nicht schlau aus ihm. Man kann machen, was man will, man kommt nicht an ihn heran. Dadurch, dass ich nicht in ihn hineingehen kann, bin ich unsicher, wie ich mit ihm umgehen soll. Langsam entwickle ich den Drang danach, ihm helfen zu wollen, doch irgendwie ist es ausweglos. Ich werde ihn noch einmal besuchen.


Ermittlungsbericht 14.06.1983

Wieder ging ich zu Lothar und wieder bot sich das gleiche Bild. Ich wartete eine Stunde und wir schwiegen uns wie immer an.
Ich kündigte an zu gehen, denn ich konnte seinen Anblick und diese schreckliche Stille nicht länger ertragen. Als ich schon vor der Haustür stand, sagte Lothar mit zaghafter Stimme: "Bitte geh nicht." Überrascht drehte ich mich um und ging zurück zu "meinem" Sessel. Plötzlich schaute Lothar mich an und es wirkte, als würde er aus einem Tiefschlaf erwachen. Er blickte um sich und erschrocken stellte er fest, dass er nackt war. Völlig zerstreut suchte er sich seine Sachen und zog sich in einer Minute an. Es war ein seltsames Gefühl, denn ich glaubte, daas Lothar mich das erste Mal wirklich wahr nahm. Anscheinend war das auch so, denn er sah mir in die Augen, was er vorher nie getan hat und ich sah in ihm plötzlich auch nicht mehr den kleinen schüchternen Jungen.

Trotzdem sprachen wir kein Wort miteinander. Es herrschte jetzt auch auf einmal nicht mehr diese kalte Stille, sondern es war eher vertraut und freundlich. Das erste Mal hat es mir Spaß gemacht, bei Lothar zu sein und einfach nur dort zu sitzen. Als wir uns so gegenüber saßen dachte ich darüber nach, dass Lothar kein Staatsfeind war, denn er machte gar nichts was dem Staat schaden könnte. Er saß einfach nur nackt auf seinem Bett, und das ist doch nicht verboten. Deshalb sind diese Ermittlungen überflüssig. Trotzdem möchte ich meine Arbeit noch zu Ende führen, bevor ich sie abgebe. Wir saßen noch eine Weile dort, ungefähr zwei Stunden, aber es kam mir vor, wie eine halbe Stunde. Ohne etwas zu sagen, nahm ich meine Sachen und ging aus dem Zimmer.

Ich wusste, und auch Lothar wusste, dass ich das letzte Mal aus dieser Wohnung rausgehen werde. Im Flur schaute ich mich um, dachte mir, dass ich Lothar noch einmal dort sitzen sehen will. Ich drehte mich um, ging zurück. Als ich Lothar sah, saß er wie immer auf dem Bett und schaute auf den Boden. Doch diesmal war etwas anders, denn Lothar lächelte ....


IM Reuther